Geschichte der Zeitschrift Charlie Hebdo

Die im Januar 2015 zu tragischem Ruhm gekommene Zeitschrift „Charlie Hebdo“ ist ein typisch französisches Produkt. 1970 in Anspielung an Charles de Gaulle gegründet, führt sie die aufklärerischen Ideen der Französischen Revolution und die im 19. Jahrhundert aufgekommene Tradition der politischen Karikatur in Frankreich fort. Während Louis-Philippes Monarchie (1830–1848) karikierte Honoré Daumier die korrupten Beamten und die Spießbürger; den „Birnenkopf“-König stellte er als geldgierigen Vielfraß dar, was ihm sechs Monate Gefängnis einbrachte.

Liberalisierung und Laizismus

100 Jahre Laizismus
Gesetz von 1905
Kein Gott! Kein Meister!

Im Zuge der Liberalisierung der Presse am Ausgang des 19. Jahrhunderts entstanden zahlreiche Satireblätter, die konservative Kräfte – allen voran die Kirche – zunehmend scharf verurteilten. Zu ihren lautesten Stimmen zählte die Zeitschrift „L’assiette au beurre“, die der Gesellschaft mit künstlerischem Anspruch den Spiegel vorsetzte. Namhafte und engagierte Künstler der Jahrhundertwende (Frantisek Kupka, Jules Grandjouan, Gustave-Henri Jossot, Felix Vallotton) beteiligten sich mit antikolonialen, antiklerikalen und antikapitalistischen Beiträgen – dies auch vor dem Hintergrund der Dreyfus-Affäre (1894–1905). Das Fundament der heutigen laizistischen Republik legte schließlich 1905 das Gesetz über die Trennung von Staat und Kirche.

Anfänge satirischer Presse

Die satirische Presse fand in neugegründeten Zeitungen wie „Le Canard enchaîné“ (1915) ihre Fortführung und ab 1960 mit der monatlich erscheinenden „Hara-Kiri“ eines ihrer bissigsten Sprachrohre. Als späterer Chefredakteur dieses satirischen Blattes sollte Jean-Marc Reiser zu einem der bekanntesten Zeichner Frankreichs werden. Mit einer Reihe anderer Karikaturisten (Cavanna, Bernier, Wolinski, Cabu) lotete er die Abgründe der Politik de Gaulles aus. Mehrere Ausgaben wurden wegen ihrer respektlosen Zeichnungen verboten. Als im November 1970 Charles de Gaulle starb, titelte Reiser in dem seit 1969 zusätzlich wöchentlich erscheinenden „Hara-Kiri Hebdo“: „Tragischer Tanzabend in Colombey: 1 Toter“ – in Anlehnung an die Lokalnachrichten. Nachdem die Wochenzeitschrift daraufhin verboten worden war, führte man das Magazin als „Charlie Hebdo“ weiter.

„Weder Gott noch Meister“

Bis 1981 prägte eine radikal anarchische Haltung die neue Wochenzeitschrift, die respektlos alle politischen und gesellschaftlichen Themen auf den Kopf stellte und das Motto „weder Gott noch Meister“ lebte. Die 68er-Bewegung schöpfte hieraus ihr Postulat „es ist verboten, zu verbieten“.

Der Neuanfang

Zwischen 1981 und 1992 musste das Blatt seinen Betrieb jedoch aufgrund mangelnder Leserschaft einstellen. Bei seiner Neuauflage 1992 wurde die frühere linke Radikalität aufgegeben, die bedingungslose Freiheitsliebe aber beibehalten. Mit ihrem entlarvenden Humor nahm die zum Teil noch alte Mannschaft (Cabu, Siné, Willem, Wolinski) die Doppelmoral in Gesellschaft und Politik aufs Korn. Im Visier: Le Pens Partei „Front National“ und religiöse Führer aller Couleur. 2006 veröffentlichte „Charlie Hebdo“ die dänischen Mohammed-Karikaturen aus „Jyllands Posten“ und Cabus Cover „Es ist schwer, von Dummköpfen geliebt zu werden“. Die Titelblätter von 2011 („100 Peitschenhiebe, wenn ihr nicht lacht“) und 2013 („Der Koran ist scheiße – hält Kugeln nicht ab“) lösten eine anhaltende Debatte über die Pressefreiheit aus. Vor Gericht wurde Charlie Hebdo wiederholt das Recht eingeräumt, Religion zu kritisieren: Gotteslästerung ist in Frankreich nicht strafbar.

Nachdem bereits im Jahr 2011 ein Brandanschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ verübt worden war, kamen im Januar 2015 zwölf Menschen bei einem terroristischen Anschlag zu Tode.  Es handelt sich dabei um den Chefredakteur und Zeichner Charb (Stéphane Charbonnier), die Zeichner Cabu (Jean Cabut), Honoré (Philippe Honoré), Tignous (Bernard Verlhac) und Wolinski (Georges Wolinski) sowie den Wirtschaftswissenschaftler und Mitinhaber der Zeitschrift Bernard Maris („Oncle Bernard“), die Psychoanalytikerin und Kolumnistin Elsa Cayat, den Lektor Mustapha Ourrad, den Journalisten Michel Renaud, den Wartungstechniker Frédéric Boisseau, den Personenschützer Franck Brinsolaro und den Polizisten Ahmed Merabet.

Dieser Anschlag erschütterte die freiheitlich-demokratische Gesellschaft in ihren Grundfesten und machte die Kunst- und Meinungsfreiheit unversehens wieder zu einem vielschichtig diskutierten Thema.

„Je suis Charlie“

Bereits eine Woche nach dem Anschlag erschien am 14. Januar 2015 eine neue Ausgabe von „Charlie Hebdo“. Auf dem Cover ist vor grünem Hintergrund der Prophet Mohammed zu sehen, der ein Schild mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ in den Händen hält. Dieser Satz wurde unmittelbar nach dem Anschlag zum Inbegriff der Solidarität. Überschrieben ist die Karikatur des Zeichners Luz mit den Worten „Tout est pardonné / Alles ist vergeben“. Das Heft mit der Nummer 1178 erschien in einer Auflage von zunächst 700.000 Exemplaren. Laurent Sourisseau, genannt Riss, übernahm die Chefredaktion von „Charlie Hebdo“.

Wegen redaktioneller und struktureller Differenzen wird Luz die Redaktion im Herbst 2015 verlassen. Durch die zahlreichen Spenden und Neu-Abonnenten ist das Magazin inzwischen mehrere Millionen Euro wert. Derzeit befindet sich die Redaktion im Umbruch und sucht nach einer Neuausrichtung. Eine neue Redakteurin, Solène Chalvon, wurde bereits im April 2015 eingestellt.

Quelle: Le Monde, 25.2.2015

Quelle: Le Monde, 25.2.2015

Die Zeitung „Le Monde“ veröffentlichte am 24. Februar 2015 eine Grafik, welche die Verteilung der in „Charlie Hebdo“ behandelten Themen anschaulich wiedergibt. Hierbei fällt auf, dass entgegen der landläufigen Meinung nicht der Bereich „Religion“, sondern „Politik“ eine tragende inhaltliche Rolle besitzt. Von 523 zwischen 2005 bis 2015 veröffentlichten Titelblätter der Zeitschrift behandelten allein 336 politische Themen – gefolgt von Wirtschaft und Soziales (85), Sport und Theater (42), Religion (38) und Sonstiges (22). Interessant ist weiter, dass sich die Titelseiten mit einer religiösen Thematik mehrheitlich mit dem Christentum (21) auseinandersetzten, und nur sieben mit dem Islam.

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