Elsa Cayat: Die Fähigkeit sich zu lieben

Charlie Hebdo vom 14. Januar 2015 (posthume Veröffentlichung)

Ich möchte über die Schwierigkeit sprechen, die einem Menschen begegnet, der sich für die Fragen öffnet, die der Andere aufgrund seiner Verschiedenheit stellt und der dieser Verschiedenheit auch Raum lässt, aber dabei erkennen muss, dass er seiner eigenen Verschiedenheit gar keinen Platz einräumt: Und zwar weder der Diskrepanz zwischen dem, was er will und dem was er tut, bzw. zwischen seinen Wünschen und seinen Versäumnissen, noch der Diskrepanz zwischen den Realen [Anm. d. Ü.: Das Reale, aus der psychoanalytischen Theorie von Lacan], wie sie seine Sorgen und seine Freuden auslösen, und diesen Realen an sich. Lieber negiert er die Motive, die sich hinter dem Emotionalen verstecken, lieber zensiert er die Emotion, da er fürchtet, bei mangelnder Beherrschung in flagranti ertappt zu werden.

Dieses Verhalten hat einen Grund: die Angst. Die Angst des Individuums, zu den Pfaden seiner Vergangenheit zurückzukehren, sich seinen Kindheitslieben, und zwar ihrer Realität, neu zuzuwenden, dabei klar zu erkennen, wo er in seinen vergangenen Empfindungen steckte, die manchmal unverhofft wieder auftauchen. Für gewöhnlich entscheidet er sich für die Nostalgie, die im Altgriechischen etymologisch das schmerzhafte Verlangen nach der Heimkehr, also Heimweh, bedeutet, was ich als Hinwendung zum Schmerz deuten würde, weil es vom Menschen fälschlicherweise als Liebesbeweis verstanden wird. Diese Entscheidung treibt den Menschen weit weg, jenseits von sich selbst, da gerade jene Weigerung zur Rückkehr, ja, die Weigerung, sie auch nur zu erwägen, ihn zu dem vergeblichen Versuch bewegt, Zuflucht dort zu suchen, wo der Blick des Anderen etwas über ihn aussagt, und er folglich nicht mehr er selbst ist.

Gleiches Streben in der Liebe kann auf Dauer nur zu Unzufriedenheit, Leiden und Angst verkommen, weil niemand anderer als man selbst den Schlüssel zum eigenen Dasein besitzt, den Schlüssel zur eigenen Identität, die der Andere hier substituieren soll. […] Milan Kundera sagt es zutreffend in Die Unwissenheit: „Im Spanischen kommt aňoranza vom Verb aňorar (Nostalgie verspüren), das vom Katalanischen enyorar stammt, das wiederum vom Lateinischen ignorare (ignorieren) kommt. Vor diesem Hintergrund erscheint Nostalgie als Schmerz der Ignoranz, der Unwissenheit.“ Die Erfahrung lehrt, dass man die Wahl hat: Entweder unter der Unwissenheit zu leiden, um die Sehnsucht nach einem ursprünglichen und absoluten Liebestraum aufrechtzuerhalten, was den Menschen aber dazu verurteilt, niemals die Liebe (ihre Freuden und ihre Leiden) zu erfahren, wenn sie da ist, und niemals dort, wo sie ist, im rechten Moment zu sein, um die Phantasie des eigenen Ganzen zu erfassen. Oder aber man entschließt sich dazu, nicht mehr zu verleugnen und seine Traumliebe anzukratzen, was die einzige Voraussetzung ist, damit die von ihren metaphysischen Lumpen befreite Liebe, also die Beziehung zum Anderen, ihre Fatalität ablegt und zusammen mit einem selbst zur Realität wird.

Missbrauchen heißt entfremden […]

An dieser Stelle treffen die Gesellschaft und der Mensch aufeinander; eben in der Suche nach der Autorität, von der man zwar abhängt, aber um deren Machtmissbrauch man doch weiß. Diese Autorität ist die des gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Systems genauso wie die des Anderen, dessen Missbrauch offensichtlich ist, auf den man aber nicht verzichten kann. Eben dieser Mechanismus quält das Individuum, das verunsichert ist, das Angst hat, frei zu sein, seinem Begehren zu folgen und sein Leben zu gestalten; eben das Individuum, das den Segen einer Autorität schätzt und deshalb die Kränkung des Bittstellers um Erlaubnis erfährt.

Recht und Psychoanalyse treffen sich an diesem gemeinsamen Punkt, denn was zum Prinzip des Rechts gehört – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – ist das Ziel der Psychoanalyse. Das Recht in kollektiver Hinsicht und die Psychoanalyse in individueller Hinsicht haben zum Zweck, den Missbrauch, die Unmäßigkeit, die (Regel-)Übertretung beim Menschen einzudämmen, indem sie ihn regulieren. Hat also die Psychoanalyse etwas Grundsätzliches entdeckt, nämlich dass das menschliche Leiden von der Unmäßigkeit herrührt, so rührt diese Unmäßigkeit wiederum vom Glauben her, das heißt, von allem, was man geschluckt, geglaubt hat. Den Anderen zu missbrauchen ist keineswegs ein perverses Merkmal von Allmacht, sondern ein Entfremdungsmerkmal, desgleichen vom Anderen missbraucht zu werden. Nun, um sich von solchen Herrschaftsbeziehungen zu lösen und eine positive Beziehung zum Anderen einzugehen, die offen, also nicht auf der Negierung seiner Selbst und auch nicht auf die des Anderen begründet ist, gibt es keinen anderen Weg, als sich von allen Illusionen zu befreien, mit denen wir präformiert wurden.

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