Charb: Kommunikationsagentur Al-Qaida

Charlie Hebdo vom 29. Mai 2010

Während Sie diese Zeilen lesen, falls Sie in der Lage sind zu lesen, wird bestimmt ein Terroranschlag die Hauptstadt verwüstet und dabei einen Gutteil des „Charlie Hebdo“-Redaktionsteams dahingerafft haben. Hortefeux (2010 Innenminister – Anm. d. Ü.) hatte ja gewarnt: Macht Euch darauf gefasst, es wird weh tun. Der Innenminister hat die schweren Tritte des islamistischen Terrorismus gehört, wie sie sich Frankreich nähern, er hat das übelriechende Schnauben des bärtigen Monsters gewittert, das durch unsere Straßen fegt. Sollte uns der Minister vor der Gefahr warnen und in Kauf nehmen, dass die Bevölkerung dabei in Panik gerät? Selbstverständlich ja. Dank der Warnungen des Ministers laufen wir durch die Gegend mit ganz fest zusammengekniffenen Pobacken, was im Falle eines terroristischen Bombenanschlags die Anzahl der Öffnungen für das Eindringen von Schrauben, Nägeln und Muttern in unseren Körper maßgeblich reduziert. Die Warnungen des Ministers gewähren darüber hinaus den potentiellen Opfern genug Zeit, um eine Lebensversicherung zugunsten der letzten Überlebenden ihrer Familien abzuschließen (falls die Terroristen nicht ohnehin alle restlos massakrieren).

Anstatt dem Minister für seine Fürsorglichkeit zu danken, unterstellen ihm linke Parteien politische Manipulation. Die Angstmache vor Anschlägen würde nichts anderes bezwecken, als die Menschen von den sozialpolitischen Problemen abzulenken…Weil die Regierung inzwischen Expertin darin geworden wäre, sämtliche Ängste zu instrumentalisieren (Immigration, Kriminalität, Schweinegrippe, Wirtschaftskrise, Roma …), wäre sie also auch imstande bezüglich der terroristischen Bedrohung zu lügen? Aber, aber! …

Die Explosion einer Bombe wird beweisen, dass der Nachrichtendienst des Innenministers gut gearbeitet hat. Die Nicht-Explosion einer Bombe wird beweisen, dass die französischen Sicherheitsdienste exzellent funktionieren. Die Regierung braucht nur noch dieselbe Kommunikationsstrategie wie für die Schweinegrippe anzuwenden: Wenn nichts passiert, ist das Vorgehen des Staates besonders effizient, wenn etwas passiert, ist aber doch alles getan worden, um die Katastrophe möglichst gering zu halten. Angenommen, es habe im Falle der Grippe H1 N1 Absprachen zwischen der Regierung und den Pharmakonzernen gegeben, ist doch schwer, wenn nicht sogar unmöglich sich vorzustellen, dass irgendeine Verbindung zwischen der Regierung und Al Qaida besteht, oder? Im Ernst: Könnt Ihr euch Hortefeux vorstellen, wie er seinen Kontaktmann bei Al-Qaida anruft, um ihn zu bitten Frankreich zu bedrohen? „Hallo, Abdemalek Droukdel? Kannst du uns bitte mal eine wütende Mail rüberschicken? Ja, und wenn du auf deiner Internetseite mal eine richtig böse Fresse ziehen könntest, würde uns das helfen. Und keinesfalls deine Augenbrauen epilieren! Ciaò-Ciaò.“ Das ist in der Tat grotesk.

Der Innenminister braucht den Kontakt zu Al Qaida oder zu irgendeiner anderen Niederlassung des Terrorismus nicht, um Angstkampagnen zu veranstalten. Es gibt eine stille Vereinbarung zwischen den Regierungen und den Terroristen: Ihr macht uns Angst, wir machen Werbung für euch. Wir instrumentalisieren die Angst, die ihr verbreitet, im Gegenzug machen wir Stars aus euch, wodurch ihr mehr Anhänger rekrutieren und mehr Spenden einfahren könnt. Ein Terrorist muss nicht unbedingt töten. Aber Angst machen, das muss er. Jeder weiß, dass er die Mittel besitzt zu töten, dass er fähig ist zu töten: Das genügt, um Angst zu machen. Nicht etwa eine Bombe in einem Zug und auch nicht ein Terroranschlag wie der vom 11. September lähmen eine Gesellschaft, sondern die Angst, die solche Akte der Gewalt erzeugen. Der Terrorismus tötet viel weniger als beispielsweise der Straßenverkehr. Aber für die meisten Leute ist es viel erschreckender bei einem Terroranschlag als in einer Karambolage zu sterben. Der Innenminister warnt keineswegs täglich vor der Gefahr von Autounfällen. Wenn er es doch täte, würde er große Unruhe verbreiten und womöglich sogar rückläufige Autoverkäufe verursachen. Was Regierungen keinesfalls bezwecken.

Die Regierung kann sich die Beratungen eines Öffentlichkeitsarbeiters wie Thierry Saussez schenken. Sie hat Al-Qaida. Und die ist allemal seriöser.

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