Charb: Hat nicht mal weh getan

Charlie Hebdo vom 9. November 2011

Mein Mäppchen riecht nach etwas zwischen geräuchertem Würstchen und verbranntem Gummireifen. Da steckt diesmal keine schlüpfrige Andeutung dahinter. Ich konnte es unter der rußigen Schicht, die unsere Zeitung bedeckt, als einziges retten: Das Mäppchen, in dem ich meine Kulis, Filzstifte und Radiergummis aufbewahre. Wir kämpfen nämlich mit diesem armseligen Material auf Augenhöhe mit den schlimmsten Armeen von Vollidioten. Wow! Ist schon Wahnsinn, was Humor und Spott für eine Macht hat! Anstatt die Atombombe bauen zu wollen, sollte die iranische Regierung an ihre Revolutionshüter Zeichenstifte verteilen.

Wir alle haben diesen üblen Gestank nach Dummheit mit nach Hause genommen. Dummheit riecht wie eine verbrannte Zeitung. Das zumindest wird man vom Brandanschlag auf „Charlie“ gelernt haben. „Anschlag“ hat der Innenminister bei seiner Besichtigung unserer Büroräume festgestellt. Ja, ausgerechnet Guéant , dem quasi jede Woche eine eigene Rubrik in der Zeitung gewidmet ist. Sie wissen schon, die Rubrik „Réseau Education sans frontières“, die einem erklärt, wie die Regierung die Immigration und die irregulären Einwanderer instrumentalisiert, um dem Front National Marktanteile abzugewinnen. Übrigens, der Front National bedauert in einer Verlautbarung von Marine Le Pen ebenfalls, was „Charlie“ passiert ist. Grausam sind sie, diese Brandstifter, sie haben es sogar geschafft, dass ich Guéant die Hand schütteln musste. Ja eben, fragen uns einige Journalisten mit gerümpfter Nase, wobei sie eigentlich ein ironisches Lächeln andeuten wollen: Wie fühlt ihr euch dabei, von denjenigen unterstützt zu werden, die ihr am meisten kritisiert? Tja, was willste darauf antworten… Könnt ihr euch vorstellen, dass ein Innenminister oder ein Parteichef sich über einen Anschlag auf eine Zeitung öffentlich erfreut zeigt? Ja aber, insistieren die Journalisten mit glänzendem Zahnfleisch, wie geht es einer unbedeutenden Zeitung, die einen solchen Konsens im ganzen Land erzeugt? Na? Ehrlich gesagt, ES TUT GUT!

Als 2006 die Sache mit den Mohammed-Karikaturen losging, hatte uns Präsident Chirac angeschissen und die Mehrheit der Presse hatte sich geweigert, aus Solidarität mit den bedrohten dänischen Cartoonisten die besagten Karikaturen zu veröffentlichen. Dass eine satirische Zeitung lichterloh brennt, ist schon mal absolut einmalig, und dann haben wir noch dazu einen Prozess gewonnen, den drei moslemische Vereinigungen wegen der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen gegen uns angestrengt hatten. Der Richterspruch hat allen, die daran zweifelten, ins Gedächtnis gerufen, dass es das Delikt der Blasphemie in Frankreich nicht gibt. In Frankreich darf man alle Religionen kritisieren.
Wir verstehen durchaus, dass ein Moslem sich weigert, seinen Propheten bildlich darzustellen, Schweinefleisch zu essen und über „Charlie“-Witze zu lachen. Wir sind keine Moslems. Es ist uns folglich erlaubt, Mohammed darzustellen, Schweinefleisch zu essen und uns über alles und nichts zu amüsieren. Wir sind übrigens auch keine Christen, Juden oder Buddhisten …

Und nun lassen Sie uns der Moslems gedenken, die die eigentlichen Opfer des Brandanschlags sind. Wir müssen uns nämlich darauf gefasst machen, dass der Angriff auf „Charlie“ von den Ultrarechten instrumentalisiert wird, um die Moslems zu diskreditieren. Und da die Rechten mit Pauschalisierungen nicht zimperlich sind, ist zu erwarten, dass alle Migranten aus mehrheitlich islamischen Ländern jetzt stigmatisiert werden.

Und wenn doch faschistische Provokateure die Molotow-Cocktails geschmissen hätten? Es könnte sein. Alles ist möglich, aber wir wollen die Ermittlungsergebnisse abwarten, so sagt man doch, wenn man nichts zu sagen hat. Diejenigen aber, die unsere Internetseite hacken, tun es vom Ausland aus und im Namen des Islam. Diejenigen, die uns Morddrohungen schicken, tun es vom Ausland aus und im Namen des Islam. Diejenigen, die unserem belgischen Internetprovider Morddrohungen schicken, tun es vom Ausland aus und im Namen des Islam. Die Mordkandidaten machen aus dem Islam einen Fußabtreter, an dem die Faschos es lieben, sich die Schuhsohlen abzuputzen.

Mohammed hat „Charlie“ abonniert

Dank gilt allen Zeitungen, Medienvertretern, Gewerkschaften, Theatern, Zeitungsverkäufern, Vereinigungen, Volksvertretern, Lesern, die uns ihre Unterstützung und ihre Solidarität kundgetan haben. Es tut mir leid, dass ich nicht allen geantwortet habe, aber nicht der Brand hat mein Handy zum Schmelzen gebracht, sondern die Hunderte von Sympathiebekundungen. Wir haben insbesondere der Zeitung „Libération“ und (deren Chefredakteur – Anm. d. Ü.) Nicolas Demorand dafür zu danken, dass sie uns beherbergen. Vielen Dank auch den Magazinen „Nouvel Obs“, „Marianne“ und „Rue 89“ sowie der Gewerkschaft CGT, welche uns spontan ein Obdach angeboten haben. „Le Monde“ ist zu danken, auf deren Computer wir unsere Artikel geschrieben haben (wenn bloß alle Obdachlosen wie wir behandelt werden könnten…) Auch Jean Ribes und dem Rond-Point-Theater, die uns ebenfalls eingeladen haben. Nach dem Théâtre de la Ville wird nun auch sein Theater von den christlichen Ultrarechten bedroht. Wir werden an seiner Seite und vor Ort sein, um die Angriffe der Hostienlutscher abzuwehren.

Die Faschisten, seien sie Moslems, Christen, Juden oder Agnostiker, werden uns nicht den Mund verbieten. Sie handeln nachts, damit keiner merkt, dass sie nicht so zahlreich sind, wie sie behaupten. Sie sind zwar nichts, sie haben aber eine beängstigende Pressesprecherin: die Gewalt. Über einen Mörder spricht man immer mehr als über Millionen Pazifisten. Der Brandanschlag auf Charlie sollte ein Anlass sein, die Verhältnisse umzukehren.

Liebe Leser, ihr fragt nach, wie ihr helfen könnt, die Zeitung wieder auf die Beine zu bringen. Ganz einfach, indem ihr sie lest. Abonniert sie, abonniert sie für eure Freunde, kauft sie am Kiosk, unterstützt euren Zeitungsverkäufer, unterstützt die unabhängige freie Presse, die Meinungspresse. Sollte es senile Milliardäre oder sehr reiche Bedürftige geben, die uns helfen wollen zurückzuerlangen, was wir verloren haben, so können sie dem Verein „Presse et Pluralisme“ Spenden zukommen lassen. Was übrig bleibt, versaufen wir.

Im Namen der Redaktion, die unter äußerst ungewöhnlichen Bedingungen gearbeitet hat, sage ich euch: Bis zur nächsten Woche. Bis zu allen nächsten Wochen.

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