Charb: Ein Islam für Frankreich oder ein Islam in Frankreich

(Dieser Text vom 21. Februar 2011 erscheint deshalb wichtig, weil die Debatte inzwischen auch in Deutschland geführt wird, ob der Islam der westlichen Kultur angepasst werden soll/kann/muss, und zwar mit der Frage: Gehört der Islam zu Deutschland?)

Im Namen der Laizität will sich Sarkozy in Religionsfragen einmischen … Im Namen der Laizität will Sarkozy den Gläubigen ihre religiösen Verhaltensregeln diktieren. Na ja, nicht irgendwelchen Gläubigen, natürlich. Den Moslems will er vorschreiben, wie ein Moslem zu sein hat.

Vor den Abgeordneten der Partei UMP, die er am 16. Februar im Elysee-Palast empfing, hat Sarkozy erklärt: „Eine französische Gesellschaft, die den Islam in Frankreich zu ertragen hätte, kommt nicht in Frage.“ Im ersten Fernsehsender TF1 hatte er eine Woche zuvor das Motto lanciert, das wir zweifelsohne als Refrain bis 2012 zu hören bekommen werden: Der Präsident will einen Islam FÜR Frankreich, aber keinen Islam IN Frankreich.

Ein Islam FÜR Frankreich meint einen Islam, der sich der französischen Gesellschaft anpassen muss. Ein Islam FÜR Frankreich unterstellt, dass der Staat sich ein Mitspracherecht vorbehält, wie der Islam auf dem nationalen Territorium unterrichtet oder gepredigt wird. Das aber verstößt gegen das Laizitätsprinzip. Wenn die Mönche bzw. andere Prediger oder die Gläubigen ihre Bigotterien dem Rest der Bevölkerung unter keinen Umständen aufzwingen dürfen, so darf der Staat den Bigotten nicht vorschreiben, in welcher Stellung sie beten sollen. Solange ein Religionsanhänger die Gesetze der Republik beachtet, ist er ein Bürger wie die anderen. Und wenn ein Glaubensanhänger die Gesetze der Republik nicht beachtet, so soll er nicht als solcher sondern als Straftäter verfolgt werden. Ruft ein Imam während einer Predigt zum Mord auf (das ist ja eine von Sarkozys Lieblingsfantasien), soll er lediglich als gesetzesbrecherischer Bürger betrachtet werden.

Die Laizität akzeptiert und toleriert dagegen den Islam IN Frankreich, wie sie den Katholizismus IN Frankreich akzeptiert und toleriert, den Buddhismus IN Frankreich akzeptiert und toleriert, das Judentum IN Frankreich akzeptiert und toleriert, etc. Stellt man sich denn überhaupt die Frage, ob es einen Katholizismus FÜR Frankreich, oder ein Judentum FÜR Frankreich gibt? Als Laizist will ich gar keine Religion FÜR Frankreich. Auf keinen Fall darf die Republik die eine oder andere Religion mit dem Gütesiegel „französische Qualität“ versehen.

Als Atheist will ich gar keine Religion, weder FÜR noch IN Frankreich. Ich habe mich dazu durchgerungen, meinen Laizismus zulasten meines Atheismus in den Vordergrund zu stellen, um zerschlitzte Bäuche und herausquellende Innereien zu verhindern. Aber dass der Präsident der Republik den Gläubigen klarmachen will, wie sie gläubige Franzosen zu sein haben, ist absurd. Genauso absurd, wie wenn er den Atheisten klarmachen wollte, wie sie atheistische Franzosen zu sein hätten.

Gut, aber was macht man, wenn Moslems in einer Pariser Straße einfallen, um dort zu beten? Ein Teil der Bevölkerung scheint angesichts der Bilder von in der Myrha Straße betenden Moslems richtig traumatisiert zu sein. Stellen Sie sich vor, am Gebetstag ist der Verkehr in der Myrha Straße blockiert! Das weiß doch jeder: Sobald die Mhyra Straße blockiert ist, ist ganz Frankreich lahmgelegt …
„Welche Limits wollen wir dem Islam setzen?“, hat sich Sarkozy im Ersten Fernsehsender TF1 laut gefragt. Es gibt keine besondere Grenze, die dem Islam gesetzt werden sollte, denn die geltenden Gesetze regeln schon alle Probleme, man braucht sie nur umzusetzen.

Soll man Religion für den Arsch oder Religion am Arsch sagen?

Nehmen wir das Beispiel des Straßengebets. Die Veranstalter, wenn es denn welche gibt, müssen beim Polizeipräsidium eine Demonstration anmelden. Die Veranstalter von christlichen Prozessionen verfahren genauso. Es wird nun ins Feld geführt, dass die Moslems auf der Straße sind, weil sie nicht genug Gebetsräume haben. Dann sollen sie eben welche bauen, sie sollen welche kaufen, sie sollen machen, wie sie wollen. Sie sollen zusehen, wo sie das Geld dafür herkriegen, jedenfalls nicht von den Gebietskörperschaften oder vom Staat. Es obliegt dann den Behörden zu kontrollieren, ob das Geld, das zur Errichtung von Andachtsgebäuden benutzt wurde, sauber ist oder nicht.

Schluss damit, in Frankreich lebende Moslems wie verhaltensgestörte, verantwortungslose Kids zu behandeln! Dieselben Gesetze sollen für sie wie für die anderen Bürger gelten, und zwar frei von jeglicher – positiver wie negativer – Diskriminierung.

nach oben