Bernard Maris: Das Ende der Eurozone

Charlie Hebdo vom 20. Juli 2011

Während die Franzosen und die Deutschen die Restrukturierung der griechischen Staatschulden ablehnen, ruft Frau Lagarde dazu auf, ein völlig blutleeres Land noch mehr auszubluten, und die Finanzmärkte warten nur darauf, die mit dem Bankrott Griechenlands einhergehenden Profite einzukassieren. In Kürze wird die Eurozone explodieren.

Was ist das, „die Märkte“? Das sind die Gläubiger, die von Auftraggebern, also von Finanzmännern als Vermittler, kurz von Leuten, die mit Schulden handeln, vertreten werden: Das sind vorwiegend Banken, Hedgefonds (reine Vermittler ohne eigenes Kapital, wie die Immobilienmakler Vermittler von Gebäuden sind), verschiedene Fonds. Sagen wir die Banken, um es zu vereinfachen. Diese Vermittler erhalten hohe Provisionen zwischen dem, was sie den Gläubigern geben und dem, was sie von den Schuldnern verlangen. Zum Beispiel leihen die Banken der Eurozone von der EZB Geld zu einem Zinssatz von 1 %. Wenn sie dieses Geld mit zweijähriger Laufzeit in griechische Schulden anlegen, bekommen sie 30 %! 30 %! Nicht einmal der letzte Wucherer in Bombay würde sich trauen, soviel zu verlangen. Wenn sie mit zehnjähriger Laufzeit griechisch anlegen, erhalten sie 17 %. Dasselbe gilt für irische bzw. portugiesische Anlagen mit zehn Jahren Laufzeit.

Wenn sie merken, dass ihre Schuldner nicht bezahlen können, verkaufen sie ihre Gläubigerpapiere, wobei der Wert dieser Papiere sinkt. Die Griechen haben eine Staatsschuld in Höhe von 350 Milliarden. Nur der Außenwert. In Wahrheit ist sie auf dem „zweiten Markt“ – wenn man die Märkte die griechische Staatsschuld frei aushandeln ließe – 300 Milliarden wert. Es ist aber günstiger, wenn einer Zinsen für 350 als für 300 bezahlt, nicht wahr? Da sie eigentlich nur 300 beträgt, schlagen die Banken Versicherungsverträge bezüglich der Schulden ab, sogenannte CDS, „Credit Default Swaps“. Derzeit kassieren die CDS 20 % auf Ihre Schulden. Anders gesagt, sie setzen auf eine Zahlungsunfähigkeit Griechenlands über fünf Jahre.

Es wird aber viel schneller gehen. Zum einen haben die von den Griechen abverlangten Anstrengungen das Land in eine Rezession gestürzt. 8 % Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst, Anhebung der Einkommensteuer, Anhebung der Mehrwertsteuer, Privatisierung des Athener Hafens und des Hafens von Saloniki, der Telekommunikation, 30 Milliarden Euro Rückzahlung jährlich gefordert, was 10 % des BIP entspricht. Das ist unmöglich durchzuziehen, woraufhin natürlich das BIP abstürzt, was zur Folge hat, dass das griechische Defizit steigt. Die griechischen Kapitalanlagen verlassen Griechenland. Diesen Teufelskreis begreift allein Christine Lagarde nicht, die weitere Anstrengungen verlangt.
Also wird Griechenland die Rückzahlung einstellen. Die anderen wissen es genau. Was tun? Die Franzosen möchten eine Abzahlung über einen Zeitraum von dreißig Jahren bei einem „moderaten“ Zinssatz von 8 %. Trichet, Banker und U-Boot der Banken, will nicht. Die Deutschen, die besessen von ihrer Innenpolitik sind, wollen gar nichts. Anfangs wollten sie eine Restrukturierung der Schuld, die teilweise von den Gläubigern bezahlt wurde (denn schließlich haben die Gläubiger auch Fehler gemacht, wie in den USA mit den Subprimes). Sie haben übersehen wollen, dass die Griechen ihre Konten frisiert hatten. Trichet hat es auch übersehen wollen. Dafür will er sich seinerseits ein wenig bemühen: Da die Rating-Agenturen die griechische Ratingbonität schlechter bewerten, die derzeit weniger wert ist als die kubanische, kauft er geringe Anteile der entwerteten Schulden.

DIE MÄRKTE: JE MEHR SIE BEKOMMEN, DESTO MEHR WOLLEN SIE HABEN

Andere möchten, dass die griechischen Schulden entsprechend ihres realen Wertes (160 %) neu verhandelt und vom griechischen Staat getilgt werden, was diesen mächtig entlasten würde. Trichet sagt nein. Der Boss der Bundesbank sagt nein. Schäuble (einer von denen, die sich am wenigsten doof anstellen) sagt ja. Sarko sagt „ähh“. Juncker (der Präsident der Euro-Gruppe) sagt gar nix. Van Rompuy weiß nicht, wie viele Länder die Eurozone hat. Barroso (der Blödeste aller Blöden) lächelt blöd. Merkel meldet sich nicht. Weshalb sind all diese Leute wie versteinert? Deshalb, weil Portugal und Irland „Warum nicht auch wir?“ rufen werden, sobald man diesen Mechanismus zulässt. Ein wichtiger Teil der Eurozone stürzt infolgedessen ab. Und wer weiß, ob Italien nicht als nächstes dran ist!

Immerhin hatten die Europäer den richtigen Ansatz, als sie den Europäischen Stabilitätsfonds (ESM), eine Art lokalen IWF, einrichteten. Der Fonds sollte bis zu 430 Milliarden garantieren. Es war ein historisches Ereignis, als die EZB völlig statutenwidrig begonnen hatte – wie gesagt, in kleinstem Ausmaß – die griechischen Staatsschulden aufzukaufen. Heute ist die Lösung evident: Nicht das griechische Problem allein soll muss werden, sondern das gesamte Problem Eurozone, und dabei muss die EZB autorisiert werden, die Schulden massiv aufzukaufen, und neue Anleihen müssen vom Stabilitätsfonds garantiert werden. Und diese Garantie muss von der Übertragung einer staatlichen Schuld der gesamten Eurozone sowie von der fiskalischen Harmonisierung der Zone flankiert werden.

Die Lobby der Banken widersetzt sich diesem Verfahren, weil der nominale Wert der Schulden dabei sinken würde und die Zinsen der Rentiers nicht mehr so üppig eingehen würden. Da aber diese Lobby aus lauter Idioten besteht, wird der Sturz der Finanzwerte ihre Idiotie bestrafen. Was auch immer geschieht, die Gläubiger werden endlich bestraft. Die Arbeitnehmer übrigens auch, in erster Linie die griechischen Arbeitnehmer. Aber abgesehen von der Bankenlobby will keiner die föderale Lösung. Niemand führt das Wort in dieser Eurozone. Einige blasse Erscheinungen rühren sich hie und da, allerdings vergeblich. Also wird die Eurozone platzen. Niemand ist imstande den Märkten die Ohrfeige zu verpassen, die sie verdienen, wie es Vincent Auriol 1936 („Die Banken, die schließe ich, die Bankiers, die sperre ich ein“ – Frankreich war ob dieser mutigen Entscheidung nicht zugrunde gegangen, im Gegenteil) oder auch De Gaulle im Jahre 1945 („Das Kreditsystem muss der Nation gehören“) getan haben. Nachdem sie 2008 die Wirtschaft zugrunde gerichtet hatten, wurden die Banken von den Steuerzahlern mit Kapital gespeist, und sie werden die Wirtschaft wieder zugrunde richten, nur jetzt sind die Kassen leer. Die Banken nehmen sich den Raum, der wegen der Nullität und der Unfähigkeit der Politik unbesetzt bleibt – das ist menschlich.

nach oben